100 % erneuerbare Energie. - Geht das auch im Amt Molfsee?
Molfsee - 100 % erneuerbar . - Geht das? Und wenn ja, wie? Und: Läßt sich das auch im Amt Molfsee realisieren? Mit diesen und ähnlichen Fragen befaßte sich der Arbeitskreis Klima und Umwelt - Molfsee im Rahmen seiner Informations- und Veranstaltungsreihe zum Themenkreis erneuerbare Energie und ihre Anwendungs-chancen in der Region Molfsee. Als kompetenten Vortragenden konnte der Sprecher des Arbeitskreises, Wolfgang Neumaier, Prof. Dr. Konrad Scheffer von der Universität Kassel/ Witzenhausen begrüßen. Prof. Scheffer hat, aufbauend auf seinen Erfahrungen bei der Umsetzung des "Bioenergiedorfes Jühnde" ein überzeu-gendes Konzept für eine energieautarke Region mit ca. 10.000 Einwohnern entwickelt, die vorwiegend durch Landwirtschaft und mittelständisches Gewerbe geprägt ist. "Das paßt ja gerade zu uns in Molfsee!" So die einhellige Meinung der Zuhörer.
Doch zunächst die Fakten: Scheffer geht für seine Modellregion von einem jährlichen Strombedarf von 25.000 MWh aus. An Heizenergie werden rd. 100.000 MWh benötigt. Für den Kfz-Verkehr kalkuliert er 6,3 Mio. Liter Benzin bzw. Dieselkraftstoff, entsprechend 63.000 MWh. Mögliche Energieeinsparpotentiale bei Strom und Wärme sind dabei nicht berücksichtigt. Ausgehend von den heutigen Energiepreisen errechnet sich daraus ein Wertschöpfungsbetrag von knapp 22 Mio. Euro. Diese Summe stünde für Betrieb, Kapitaldienst und Steuern neuer, regional betriebener Anlagen, aber auch für Maßnahmen zur Einsparung von Energie zur Verfügung.
Dem stehe, so Scheffer, ein Biomassepotential von 38.6000 Tonnen Trockenmasse gegenüber. Diese lasse sich auf ca. 15 % der vorhandenen Acker- sowie 30 % der Grünlandfläche erwirtschaften, wobei auch Abfallprodukte, wie Gülle und Biotonne, und Waldrest- und Knickholz sowie Stroh hinzugerechnet werden können. Vorraussetzung für die Ertragserwartung: eine Nutzungsmöglichkeit für alle Pflanzenarten sowie eine Ertragssteigerung auf der Basis von an der Universität Kassel/ Witzenhausen erprobten umweltfreundlichen Anbaumethoden. Die unverzichtbare Nutzung der Biomasse sieht der Vortragende einerseits in ihrem großen Potential, andererseits aber auch in ihrer Speicherfähigkeit in Form von Brennstoffen oder Biogas zur Sicherstellung der Bedarfsspitzen bei der Wärme- und Stromversorgung.
Scheffer führte weiter aus: Mit der in der Modellregion bereitgestellten Biomasse lassen sich in einem ersten Schritt ca. 115.000 MWh Heizenergie erzeugen. Dies reiche zwar grundsätzlich aus, den Wärmebedarf zu decken; zum Ausgleich von Spitzen sind jedoch weitere 30.000 MWh erforderlich, die mit Hilfe von Solarthermie gewonnen werden können. Das führt dazu, daß aus dem Überschuß, der mit dem nach ihm benannten Verfahren - siehe dazu "Presse 24.10.2008" - in Form von Brennstoffen anfällt, für einen Preis von ca. 2,0 Mio. Euro weiter verkauft werden kann. Die mit Hilfe der Biomasse erzeugte Strommenge in der Größenordung von 20.000 MWh reiche, so Scheffer, jedoch nicht aus, den Bedarf in der Modellregion zu decken. Er schlägt daher vor, in einem zweiten Schritt diesen Bedarf mit Hilfe von Wind, Photovoltaik und Wasser zu erschließen. Entsprechend einem langjährigen Durchschnitt in Deutschland wären dies weitere 30.000 MWh. Dieser Überschuß sei notwendig, um die zeitlichen Schwankungen bei Erzeugung und Verbrauch von Strom zu berücksichtigen. Er könne aber auch, sobald die technischen Voraus-setzungen beim Kfz-Verkehr in Form einer "neuen Mobilität" vorhanden sind, diesem zur Verfügung gestellt werden.
An Gesamteinnahmen rechnet Scheffer entsprechend den bisherigen Kosten für die fossile Energieversorgung mit einem Betrag von 22,0 Mio. Euro, der jährlich aus der Region abfließt. Dies reiche aus, bei einem erforderlichen Investitionvolumen von insgesamt 80, 0 bis 100,0 Mio. Euro die notwendigen Betriebs- und Kapital-kosten zu decken. In diesen Kosten seien auch Mittel für die Übernahme des Stromnetzes sowie gegebenenfalls auch für die Nutzung von Energieeinsparpotentialen enthalten, wodurch die erforderliche Anlagenkapazität erheblich verringert werden könnte.
An seine Ausführungen schloß sich eine lebhafte Diskussion an, in der unter anderem die Frage der Nachhaltigkeit einer solchen Art von Energieversorgung zur Sprache kam. Und: Wie läßt sich dies nach ökologichen, ökonomischen und sozialen Gesichtspunkten bewerten? Scheffer sieht darin keine Probleme. Dies beziehe sich ebenso auf die Erzeugung der erforderlichen Biomasse, auf die Wirtschaftlichkeit der angewendeten Verfahren, wie auch auf eine preiswerte Energieversorgung und gesicherte Einkommen für die Landwirtschaft. Nicht zu vergessen seien auch die Vorteile für die ansässigen mittelständischen Wirtschaftsbetriebe und das enorme Wissenspotential, das durch die Anwendung seines Konzepts für die Region erschlossen werden kann.